"A la Carte" Meisterbrennerin 2003

Text & Fotos: Peter Hämmerle


Schnaps von seiner sanftesten Seite
Mit der Verleihung des Titels "A la Carte-Meisterbrenner 2003" an die Destillerie Schosser wird kein unbekannter Betrieb geehrt, aber ein besonders würdiger.

In der großen Stube stehen nebeneinander zwei große quadratische Tische mit schweren Platten. "Zum Essen", sagt Barbara Schosser, "kommen schnell 14 Leut zamm." Hier denkt man praktisch, und zur Erntezeit und während des Brennens im Herbst sind eben viele Menschen im Haus. Mit gestylten Repräsentationsräumen hat man nichts am Hut. Teure Glasvitrinen bekommen wir keine zu Gesicht. Proben der interessantesten und neuesten Destillate stehen in Griffweite eines der Tische, gute Verkostgläser ebenfalls. Was braucht man mehr.
Diese paar Brände werden von Mutter und Sohn alle paar Tage verkostet, um den Verlauf der Veränderungen zu beobachten - wenn Sohn Martin aber schon zum Frühstück die ersten Gläser einschenkt, jagt das Barbara Schosser manchmal allerdings einen Schauer über den Rücken.

Was Barbara Schosser heute ist, wurde sie auf Umwegen, auf vielen Umwegen. Möglicherweise ist es genau das, was die zierliche, hübsche Oberösterreicherin zu einer Persönlichkeit in einem weitgehend von Männern beherrschten Metier, der Schnapsbrennerei, macht. Was andere mit viel Kraft und Getöse zu erreichen versuchen, schafft sie mit Charme, Beharrlichkeit und mit einem angenehmen Maß an Understatement.

Das Leben der Schossers ist unspektakulär. Zum erfolgreichen Schnapsbrennen braucht's offenbar auch nicht mehr. Man besucht regelmäßig einige ausgesuchte Messen im In- und Ausland, man lebt in einer Gegend, die für den Obstbau berühmt ist - nicht umsonst sind die Brennerkollegen Reisetbauer und Hochmair quasi einen Steinwurf entfernt -, verfügt deshalb auch über gute Verbindungen zum internationalen Fruchthandel und hat oft Zugriff auf beste Qualität, bevor andere davon erfahren. Was nicht in der Gegend wächst, beziehen die Schossers nicht selten aus Tschechien, wo pensionierte Sammler sich organisieren und die Wälder auf der Suche nach den begehrten Wildfrüchten durchstreifen. Und Bedarf hat man hier einigen. Immerhin brennt man neben der Heidelbeere noch etwa 39 andere Sorten - und es waren auch schon mehr.

Wer in das Obstdorf Buchkirchen und auf den Schosser'schen Hof kommt, besucht ein gemütliches Haus. Die Destillationsanlage wird nicht protzig präsentiert, sie steht vielmehr in einem fast unverschämt kleinen Raum des Wirtschaftsgebäudes. Auch die Aufschrift "Heidelbeergarten" über einem Tor deutet kaum auf die Erzeugung feinster Destillate hin. Ein kleiner Raum für Verkostungen ist gerade erst im Entstehen - dabei wurde der Betrieb bereits vor über zehn Jahren das erste Mal, und seither konsequent, mit den höchsten Weihen der Kritikerzunft ausgezeichnet. Doch wie gesagt, hier zählt nicht der Schein, hier bestimmt das Praktische das Leben.

Eines noch verweist auf den Schnaps, vielmehr auf die Schosser'schen Umwege zum Schnaps: der Heidel-Bär.ln einem alten, hellblauen Ford Granada dämmert ein Riesenteddybär vor sich hin, der sommers die vorbeifahrenden Familien dazu anhalten soll, Heidelbeeren zu brocken. Diese Früchte sind die landwirtschaftliche Haupterwerbsquelle der Schossers. Auf beachtlichen 15 Hektar werden Heidelbeeren angebaut, die als Frischware in den österreichischen Lebensmittelhandel kommen. Nur ein Teil davon wird destilliert, doch als das 1989 das erste Mal der Fall war, geschah es aus einer Not heraus, denn der Hagel hatte die Ernte für den Verkauf als Frischware unbrauchbar gemacht. Dies war der Beginn einer beispiellosen Karriere. War man früher ein landwirtschaftlicher Betrieb mit Viehzucht, so gelang mit der Umstellung auf die Heidelbeerplantagen ein erster Schritt in Richtung Autonomie und mit dem Destillieren der zweite, sozusagen der zu Ruhm und Ehre.


Diese Brände sind so nobel-
zurückhaltend, wie die Menschen,
die sie erzeugen. Dezente
Destillate mit subtilen Noten,
nachhaltig in der Aromatik.

Was das Ehepaar Schosser gemeinsam begonnen hat, wird nach dem unerwartet frühen Tod von Maximilian vor wenigen Jahren von Barbara und ihrem Sohn Martin fortgesetzt. Der trotz seiner Jugend altgediente Sepp Gradauer ist die dritte Kraft im erfolgreichen Trio - er hat die längste Erfahrung mit der Brennanlage und ist der praktische Typ eines Verfahrenstechnikers, "jemand, der weiß, welches Röhrchen man umschweissen muss, um einen spezifischen Effekt zu erziehlen", wie Martin Schosser es ausdrückt.

Sitzt man den Dreien gegenüber, fällt deren angenehme Zurückhaltung auf. Hier ist man nicht bei lauten Menschen. Und etwas von diesem Charakterzug ist auch den Bränden aus diesem Haus eigen. es sind dezente Destillate mit subtilen Noten, tendentiell leicht im Alkohol, aber nachhaltig in der Aromatik.

Noch etwas zeichnet die Schosserbrände aus: Nach den Jahren des Schnapsbooms Anfang der 90er, als viele Brenner ihr einziges Heil darin sahen, die Produktion möglichst rasch zu verkaufen, gehen qualitätsorientierte Betriebe wie dieser dazu über, die Destillate länger zu lagern. Dies bedeutet nicht, daß die Brände in Flaschen abgefüllt und gelagert werden, wie des beim Wein üblich ist. Schnaps reift besser bei Fassstärke und im Edelstahltank. Mit "Fassstärke" bezeichnet man den Schnaps, wenn man ihn so belässt, wie er aus der Brennanlage tropft - da hat er etwa 65% Alkohol, die vor dem Abfüllen mittels destillierten Wasser auf das gewünschte Niveau eingestellt werden.

Gerade mit gereiften Bränden haben die Schossers unsere Gaumen bei der grossen Blindverkostung für den Guide "Österreich A la Carte 2003" gewonnen - mit der Brombeere 1998, dem Dr. Guyot 2000, einer Edelbirne, und der Zwetschke 1998. Der Titel "Meisterbrenner 2003" wird zwar allein aufgrund geschmacklicher Kriterien verliehen, es freut uns aber, dass wir damit einen Betrieb ehren können, der seit vielen Jahren nicht nur auf höchstem Niveau arbeitet, sondern die österreichischen Brenner auch international nach Kräften vertritt.